Blickwechsel: Drei Fragen an Bernhard Setzwein aus Brünn

Brünn, Foto: Bernhard Setzwein

Der "Blickwechsel" zwischen Leipzig und Brünn steht im Mittelpunkt des Residenzautorenaustauschs. Daher erzählt in unserer gleichnamigen Reihe jeden Monat eine andere Autorin / ein anderer Autor, wie sie / er die jeweilige Stadt und ihre Menschen erlebt und welche Inspiration dies für die eigene Arbeit bedeuten kann.

Im Oktober laden wir ein zum "Blickwechsel" mit Bernhard Setzwein aus Brünn und bitten ihn, uns zu erzählen:

Wenn ich durch Brünn gehe, dann sehe ich …

… den jungen Cellospieler am Abhang des Spielbergs auf einer Parkbank, wie er seiner neben ihm sitzenden Herzensdame ein Ständchen in der goldenen Oktobersonne spielt, den fassdicken Schankkellner in der Brauereigaststätte Starobrno, dem bei all meinen wiederkehrenden Besuchen kein Wort zu viel auskam, den Hund vor der Pivnice U Poutníka, der sehnsüchtig Richtung Kneipentür schaut, anscheinend ist da drinnen sein Herrchen verloren gegangen, ich sehe durch den Kopf Jan Skácels hindurch auf sein Alt-Brünn und Ivan Blatný, wie er auf einer Parkbank des Getreidemarktes sitzt und ihm aus sämtlichen Sakko- und Hosentaschen zerknüllte Papierzettel hervorquellen, ungefähr so, wie heiße Lava einen Vulkanabhang herunterquillt, den schiefmäulig grinsenden Totenschädel in der Krypta unter der Jakobskirche, fugenlos eingepasst in hunderte Arm- und Oberschenkelknochen, den Grabstein für Rosalie Geduldig, geborene Aufrichtig am Jüdischen Friedhof, draußen vor der Stadt, das Schild von der Bar, die nicht existiert, das handtuchschmale Häuschen, in dem Bohumil Hrabal zur Welt kam, das Foto, das mir Zuzana zeigte von ihrem Schauspielerbekannten, der unbedingt Georg Birks Wette wiederholen musste und ein großes Holzrad bauen, an nur einem einzigen Tag, um es dann von Lidnice nach Brünn zu rollen, und es gelang!

Wenn ich die Menschen der Stadt beobachte, wüsste ich gerne …

… was ich von allen Menschen aller größeren Städte diese Erde gerne wüsste: wie sie es schaffen und aushalten, mit so vielen auf so engem Raum zusammenzuleben und dabei noch so menschenfreundlich zu bleiben (und manche schaffen es erkennbar eben auch nicht). 

Für meine eigene Arbeit beflügelt mich …

… die Erinnerung, die ich haben werde, wenn ich wieder daheim bin, an all das viele Leben hier, das mich gar nicht recht zur Besinnung kommen ließ und mir vom eigentlichen Schreiben auf höchst angenehme Weise eine Auszeit verschaffte, wofür den Stiftern dieses Stipendiums aufs herzlichste gedankt sei. 

Weitere Eindrücke aus Brünn von Bernhard Setzwein finden Interessierte auf seinem Blog.

Foto: Bernhard Setzwein

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